Reisen früher und heute

Neunkirchen, 09.10.17

Ein Leben lang gereist. Auf eigene Faust um die Welt gejettet. Und nun im Alter das Reisen aufgeben? Malte Retiet denkt nicht daran, dabei hat er schon nahezu jedes Land der Erde gesehen. Er berichtet, was für ihn die besonderen Reisen waren und was sich im Laufe der Zeit beim Reisen verändert hat.

Malte Retiet ist bereits über 80 Jahre alt und kann auf 60 Jahre Reisen zurückblicken. Wir sprechen also von Mitte der 50er Jahre, als er das erste Mal auf große Reise ging. Es waren noch andere Zeiten, die Rahmenbedingungen waren ganz anders als heute. Der Flugtourismus stand kurz nach dem Krieg in den Kinderschuhen. Für ihn als jungen Menschen waren Flugreisen einfach nicht bezahlbar. „Auf die Idee zu kommen, in den Flieger zu steigen und nach New York zu fliegen, wie es heute viele machen, wäre ich gar nicht gekommen. Heute kommt man für ‘nen Appel und ‘n Ei zum Big Apple.“ Auch Autos waren damals bei den jungen Menschen nicht so verbreitet. Mit 19 oder 20 ging seine erste Auslandsreise mit einem Freund von Hamburg nach Spanien. Per Anhalter, wie auch nach Italien. Später mit seiner Frau 48 Stunden mit der Bahn nach Istanbul oder alleine mit dem Rad nach Schweden. Das war zumeist die preiswerteste, aber auch die intensivste Art zu reisen.

Etwas sehen und erleben

Es sollten keine Erholungsreisen sein – er wollte immer was sehen und erleben. Das hat sich wie ein roter Faden durch sein Leben gezogen. Als Jugendlicher mit 15 hatte er einfach den Wunsch, möglichst viel von der Welt kennenzulernen. Und dieses Ziel hat er sein ganzes Leben lang verfolgt. Und das Schöne: Er konnte das mit seinem Leben vereinbaren. Jetzt, mit über 80, hat er mit seiner Frau, mit seinen Kindern, aber auch alleine rund 100 Länder bereist, also den ganzen Globus gesehen. „Ich fühle mich als Bürger dieses Globus, der das Glück hatte, hier geboren worden zu sein. Wir haben hier ein großes Privileg, dass es uns so gut geht und wir so viele Möglichkeiten haben. Ich wollte einen Überblick über meine Heimat ‚Globus‘ bekommen. Wenn ich schon auf der Erde bin, dann will ich wissen, wie es sich in der Wüste lebt, wie es in Grönland oder Patagonien und Feuerland ist. Ich weiß nun, wie es auf der Welt aussieht und das gibt mir ein sehr gutes Gefühl.“

Nicht immer ungefährlich

Im Lauf der Jahre kamen die unterschiedlichsten Länder und Reisen zusammen. Der typische Strandurlaub war auch mal dabei, aber eher selten. Retiet hatte irgendwie immer den Riecher für die richtigen Länder zur richtigen Zeit. „Wenn man sagt: Die Reisen mache ich später – aus welchen Gründen auch immer, macht man sie später nicht immer unbedingt.“ Doch er hatte in vielen Fällen auch einfach Glück. In Länder wie Jemen, Syrien, Pakistan, kann man heute aus politischen Gründen nicht mehr so einfach reisen. Und leichtsinnig würde er bei Reisen nicht sein. „Man muss nicht aus irgendwelchen Gründen sein Leben riskieren.“ Dennoch waren seine Reisen nicht immer ungefährlich. Wenn man in Venezuela mit einer einmotorigen Maschine zu den Indianern in den Regenwald fliegt und fünf Tage im Einbaum Boot mit nur einem Funkgerät unterwegs ist – das würden heutzutage viele als riskant bezeichnen.

Das Abenteuer ruft

Er gibt zu: Das Abenteuer spielte immer eine gewisse Rolle. Aber er machte es einfach so. Als er mit dem Mietwagen durch die USA gefahren ist, wurden nur der Flug und der Mietwagen gebucht. Ab dem späten Nachmittag begann dann die Suche nach einer Unterkunft. Die Jugendlichen heute sind in diese Welt der Kommunikation und Planungsmöglichkeiten hineingeboren. Das Internet mit all seinen Plattformen macht das Reisen wahrscheinlich sicherer und planbarer. Aber sie verpassen originäre Erlebnisse, so Retiet.

Digitale Kommunikation hat auch Vorteile

Doch verteufeln will er die Technik auf keinen Fall. Früher ist man eben einfach weggefahren und weg gewesen. Da gab es vielleicht mal einen Anruf über den Münzfernsprecher oder nach Wochen eine Postkarte im Briefkasten. Sein Enkel war vor kurzem in Südostasien. Er selbst saß dann mit seiner Enkelin im Café hier in Deutschland und hat ihn angeschrieben. Zwei Minuten später hatten sie ein Bild von ihm aus dem Urlaub. „Das ist absolut faszinierend. Ich bin immer neugierig, was in der Welt passiert. Aber früher lief die Welt einfach etwas „langsamer“, wenn man im Urlaub ist. Ein gutes Beispiel war 2001: In Pakistan hatten wir mittags schon mal das Hotel angesteuert. Auf dem Zimmer hab ich dann den Fernseher angemacht und es war der 11.September 2001. Heutzutage hätte man die Ereignisse wahrscheinlich fast zeitgleich über eine App oder Bekannte mitbekommen. Damals habe ich es wenige Minuten später unten in der Lobby den Mitreisenden erzählt und alle waren überrascht und geschockt. Den Urlaub mussten wir dann übrigens auch zwei Tage früher abbrechen, da man nicht wusste, ob die USA Flughäfen blockieren würden.“

Reisen war früher ursprünglicher

Die Zeiten ändern sich und es ist gut, dass man heute überall hin reisen kann. Er gönne es beispielsweise seiner Enkelin, dass sie „mal eben“ mit dem Flieger nach Amerika kann. Er selbst ist rückblickend sehr zufrieden damit, wie er das Reisen erlebt hat und möchte nicht erst jetzt auf die Welt gekommen sein. Die Möglichkeiten in unserer Zeit sind ihm zu „künstlich“. Es war eine andere Art des Reisens mit einem anderen Vertrauen in die Sicherheit. Vielleicht war es auch gut, gar nicht zu wissen, was es überall für Gefahren geben könnte. So konnte man sich auf die Reise anders einlassen: „Ich wollte meine Reisen nicht minutiös planen und wissen, was wo kommt. Würde man jetzt James Cook fragen, der würde wahrscheinlich nicht gern fliegen. Aber die technische Entwicklung kam mir natürlich sehr zugute. So konnte ich, als ich älter wurde, viele Länder sehen, die ich ein paar Jahre früher nicht hätte erreichen können.“

Mit dem Forschungsschiff nach Sibirien

Was ihm persönlich missfällt, ist der Kreuzfahrttourismus. Zwar ist er von der Schifffahrt an sich fasziniert, aber diese Umweltsünder der Meere sind reiner Vergnügungstourismus. Vielmehr würde er in die Karibik fahren, um das Land zu sehen, und nicht, um abends Party zu machen oder im Bauch eines Schiffes Schlittschuh zu fahren. Auf hoher See waren für ihn Kreuzfahrten mit Forschungsschiffen, wie nach Sibirien, wirkliche Erlebnisse. Auf unsere Frage, wie man auf eine solche Idee kommt, meint er: „Ich habe damals ‘Sibirien-Reise’ in der Zeitung gelesen und gedacht, ‘das machste’.“ Klingt wie selbstverständlich – heute würde man wahrscheinlich viele Tests, Bewertungen und Alternativen bei Google suchen und dann vielleicht doch eher die Pauschalrundreise durch Russland wählen.

Trotz ihrer Probleme ist die Welt wunderschön

Für seine Reisen hat Malte Retiet sicher auf vieles andere im Leben verzichtet, was Menschen als Luxus bezeichnen würden. Dennoch ist ihm sehr bewusst, dass er in gewisser Weise ein privilegiertes Leben geführt hat. „Vorherrschend ist eine absolute Dankbarkeit, dass ich gesundheitlich und finanziell die Möglichkeit hatte, das zu machen. Die Welt ist trotz all ihrer Probleme wunderschön. Und je mehr ich gereist bin, umso demütiger bin ich geworden. Es gibt Orte und Sehenswürdigkeiten, da kommen einem fast die Tränen, wenn man sie live sieht.“

Auf der anderen Seite hat er festgestellt, dass sich die Metropolen auf der Welt immer mehr angleichen. Es gibt wenige Ausnahmen, wie beispielsweise Rom. Aber viele verlieren ihren ureigenen Charakter; die Exotik geht verloren. Als er das erste Mal in China war, fuhr er mit dem Taxi in die Stadt. Eine schöne Allee mit vielen Bäumen. Als er dann Jahre später mit einer kleinen Gruppe erneut nach China fuhr, war diese Straße – vom Flughafen nach Peking – eine sechsspurige Autobahn. Der Fortschritt und das Wachstum der Städte fordern ihren Tribut. Und das ist sicher auch einer der Gründe, warum Retiet nicht noch einmal in Städte und Länder reisen will, in denen er vor Jahren und Jahrzehnten war: In der Erinnerung bleiben sie so besonders und exotisch.

Deutschland ist ein begünstigtes Land

Was er aus seinen Reisen, damals wie heute, mitgenommen hat? „Wir müssen uns immer wieder bewusst machen – und das lernt man auf den Reisen – wie begünstigt wir in Deutschland sind. Dabei geht es gar nicht nur um die florierende Wirtschaft, sondern das Klima. Ich habe arme Menschen getroffen, die so offen und freundlich waren, obwohl sie kaum etwas haben und dann noch mit dem Klima kämpfen müssen. Wir haben kaum Naturkatastrophen. Wir leben fast katastrophenfrei. Und die Infrastruktur funktioniert – auch wenn die Bahn mal zu spät kommt.“

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